Wir spielen mit den dunklen Kräften, wie Kinder mit dem Feuer spielen

Es scheint immer  wieder, dass die Natur nichts davon weiß, dass wir sie bebauen und uns eines kleinen Teils ihrer Kräfte ängstlich bedienen. Wir steigern in manchen Teilen ihre Fruchtbarkeit und ersticken an anderen Stellen mit dem Pflaster unserer Städte wundervolle Frühlinge, die bereit waren, aus den Krumen zu steigen. Wir führen die Flüsse zu unseren Fabriken hin, aber sie wissen nicht von den Maschinen, die sie treiben.

Wir spielen mit den dunklen Kräften, die wir mit unseren Namen nicht erfassen können, wie Kinder mit dem Feuer spielen, und es scheint einen Augenblick, als hätte alle Energie bisher ungebraucht in den Dingen gelegen, bis wir kamen, um sie auf unser flüchtiges Leben und seine Bedürfnisse anzuwenden.

Aber immer und immer wieder in Jahrtausenden schütteln die Kräfte ihren Namen ab und erheben sich, wie ein unterdrückter Stand, gegen ihre kleinen Herren, ja nicht einmal gegen sie, – sie stehen einfach auf, und die Kulturen fallen von den Schultern der Erde, die wieder groß ist und weit und allein mit ihren Meeren, Bäumen und Sternen.

Rainer Maria Rilke: Werke in drei Bänden. Dritter Band, Prosa. S. 473f.

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One Response to Wir spielen mit den dunklen Kräften, wie Kinder mit dem Feuer spielen

  1. Anita says:

    Ich finde die Texte von Rilke einfach super – lese ich immer und immer wieder gerne. Auch wenn die Metapher nicht weit hergeholt ist, finde ich sie einfach treffend. Ich mag es dagegen garnicht wenn sich Lyriker in hochpoetischen Worten verlieren und der normalsterbliche Bürger jeden Satz viermal lesen muss, um den Gedanken dahinter zu erkennen.
    Ich weiß auch nicht, kaum jemand hat auf mich so schnell und effektiv Einfluss genommen, wie Rilke…und genau das ist es,was mich an ihm so fasziniert.
    Danke für den Text!

    Freundliche Grüße
    Anita

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